Christiane Fichtner

 

 

 


Biografie 031


Christiane war bei den Fichtners immer ein beliebter Vorname gewesen. Nun passierte es, dass am selben Tag in zwei Familien des Clans zwei Mütter niederkamen und zwei Mädchen geboren wurden:
Christiane I im Familienzweig, der in die Großstadt ausgewandert war.
Christiane II in der Linie, die in ihrem Stammdorf am Lande verblieben waren.

Beide gingen mehr oder weniger brav zur Schule und lernten mehr oder weniger gut. Christiane II beendete ihre Ausbildung auf der Realschule mit der mittleren Reife. Christiane I besuchte der Möglichkeiten wegen und ihrem Desinteresse an handwerklicher Arbeit wegen das Gymnasium und beschloß als Kind wohlsituierter Eltern einen nicht materiellen Weg einzuschlagen. Sie bewarb sich an der städtischen Uni ihres Heimatortes und wurde wegen ihres lockeren Zeichenstils und dem leichten Umgang mit „Intention“ und „Formulierung“ aufgenommen.

Christiane II aber rebellierte, nachdem sie wie vorgesehen im Wirtshaus ihrer Eltern arbeiten musste, von den Männern des Dorfes als Freiwild gesehen, mitunter sehr handgreiflich belästigt wurde und nicht einmal eine Anerkennung ihrer Mühen über einen gerechten Lohn erhielt. Sie rannte weg, denn es konnte für sie nur besser werden.

Sie rannte weg in die Großstadt in der auch Christiane I wohnte. Sie wurde Sängerin, Hure, Putzfrau und Drogenabhängige. Sie hing herum. Zuletzt verdiente sie sich ihren Lebensunterhalt als Straßenmalerin, den Zeichnen und Malen konnte auch sie.

Eines Tages kam es, dass ein bekannter Mäzen zeitgenössischer Kunst Christiane II vor einem seiner Lieblingslokale malend vor dem Eingang antraf. Christiane II hatte sich mit ihren Kreidebild direkt vor der Tür platziert, hatte ein wunderbares Bild des letzten Abendmahls gestaltet, hatte die Protagonisten durch Tiere und Fabelwesen ersetzt und beobachtete nun mit stillen Lächeln wie die Fußstapfen der Gäste langsam ihr Bild zerstörten. Der Mäzen blieb stehen – vor dem Bild. Er begann die anderen Gäste daran zu hindern das Bild weiter zu zerstören. Christiane II lächelte weiter. Der Lokalbesitzer trat heraus, da weder Gäste in das Lokal gekommen waren noch Gäste das Lokal verlassen konnten. Eine wilde Diskussion mit der Künstlerin, dem Mäzen und dem Lokalbesitzer entbrannte. Als die Polizei kam – denn die Schuldige an dem Schlamassel war aus der Sicht des Lokalbesitzers nicht der Mäzen, der die Leute hinderte, sondern Christiane. Die ja eigentlich nur die Zerstörung betrachten wollte und keinen Gast am Ein- und Austritt hindern wollte. So kam es, dass er die Polizei rief und Christianes Personalien aufgeschrieben wurden. Da Christiane II aber nicht sesshaft war, wurde nur ihr Name (und keine Adresse) notiert.

Wie aber war es zwischenzeitlich Christiane I ergangen? Sie studierte Kunst, machte ihren Abschluss mit Auszeichnung, bekam aber nur kleine Aufträge für Portraits. Eigentlich konnte sie von diesen nicht leben. Aber sie hatte inzwischen ihren Mann kennengelernt, geheiratet und Kinder bekommen. Sie hieß nicht mehr Fichtner, aber ihren alten Namen verwendete sie weiter als „Künstlernamen“. Inzwischen hatte sie schon sehr viele wichtige Bürger ihrer Stadt porträtiert, da sie es verstand ein gutes optimistisches Etwas den Menschen zu verleihen. Die Direktoren liebten es, sich in Christianes Augen zu sehen und hängten sich bzw. Christianes Werke über sich in ihre Büros.

Der Mäzen aber hatte Christiane nicht vergessen. Er wollte mehr von den ephemeren Erlebnissen, wie er eben vor dem Lokal gefühlt hatte, denn er hatte sich lebendig gefühlt Er fragte herum, ob jemand Christiane Fichtner kennen würde. Viel Hoffnung hatte er nicht, da sie ja in verschiedenen Welten lebten. Aber da wurde ihm Christiane I genannt. Ein Treffen wurde arrangiert und Christiane I freute sich sehr darauf, da es ihr als ein wichtiger Schritt in ihrer Karriere erschien. Aber Ach, sie trafen sich und der Mäzen sagte nur „Das ist nicht die Christiane, die ich meine.“

 

Text Renate Hausenblas

 

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