Christiane Fichtner

 

 

 


Biografie 030


Ich erzähle vom Leben von Christiane Fichtner, geboren am 25. Mai 1974 im oberen Toggenburg, also in der Schweiz. Es wirkt fast kitschig. Stellt man sich Haus, Landschaft und Leute, in der Christiane aufwächst vor, dann erinnert diese ländliche Idylle an die Storck Schokoladenriesenwerbung und die Titelmusik von Heidi schweift einem durch die Gedanken. Heile Welt, eben.


Wohlbehütet wächst sie als einzige Tochter der Fichtners auf. Ihre Eltern betreiben ein Schuhgeschäft. Mutter Elisabeth verkauft die Schuhe und Vater Karl kann einfach alles reparieren was aus Leder ist oder mit einer Fussbekleidung zu tun hat. Wenn er sich Zeit nimmt, dann lebt er seine Passion; er näht für seine Frau Lederstiefel und öfters auch für Christiane. Schon als kleines Mädchen sitzt sie stundenlang bei ihm in der Werkstatt und schaut zu, wie er geschickt mit Zangen und Ledernadeln hantiert. Für Christiane ist schon im Kindergarten klar, dass sie eines Tages „Schuhe machen" will.


Mit ihrer Mutter darf sie bereits als kleines Mädchen zweimal im Jahr mit an die Messen. News und Trends werden gesehen, Schuhe bestellt und Christiane entdeckt, dass die italienischen Schuhdesigner Modelle ganz nach ihrem Geschmack herstellen. Das will sie auch einmal können! Deshalb steht für die Jugendliche nach der obligatorischen Schulzeit fest, dass sie in der südlichen Region der Schweiz - im Tessin - erst einmal die italienische Sprache lernen will.
Sie besucht morgens die Sprachschule und nachmittags betreut das Mädchen aus der Ostschweiz die Kinder von der Familie, in der sie lebt. Ihrer Gastfamilie bleibt nicht verborgen, dass Christianes Herz für Schuhe schlägt. So entdecken sie auf einem rumliegenden Zeichenblock immer wieder Entwürfe von diversen tollen(!) Damenschuhen. Dank der Beziehungen von der Gastmutter Rosetta (sie kennt jemanden, der jemanden kennt, dessen Bruder eines Nachbarn dort arbeitet), bekommt Christiane die Möglichkeit, in Mailand bei einem italienischen Topschuhlabel den Leuten über die Schultern zu schauen und ein dreimonatiges Praktikum im Bereich Design zu absolvieren. Glück braucht der Mensch, eben.
Aus drei Monaten werden acht Jahre. Acht intensive, kreative, harte Jahre! Christiane bekommt nicht nur das Werkzeug Design mit auf ihren (Lebens-)Weg, sie lernt ebenso das Schuhhandwerk von Grund auf sowie die Liebe ihres Lebens kennen - Lino. Im Sommer 1999 stirbt ihr Vater. Für Christiane ein Schock. Da wird sie plötzlich vor die Wahl gestellt, das Geschäft zu übernehmen. Zurück ins Toggenburg kommt für die junge Frau jetzt nicht in Frage. Die Vorstellung, die nächsten vierzig Jahre dort zu verbringen, nimmt ihr fast die Luft. So gern sie das Lebenswerk ihrer Eltern auch fortführen würde, jetzt ist es zu früh. Lino und Christiane arbeiten weitere sechs Jahre in der Mailänder Manufaktur. Sie hat die Leitung der Abteilung Design und er ist als Verkaufschef auf der ganzen Welt unterwegs und bringt die Schuhe in die Läden.

Immer mehr zieht es Christiane physisch und psychisch in die Schweiz zurück. Die Urlaube dort werden länger und Schweizer Zeitungen immer intensiver nach Jobangeboten durchforstet. Eines Tages entdeckt sie eine Ausschreibung an der Fachhochschule für Gestaltung als Dozentin für Design. Prompt bekommt sie diese dreissig Prozentanstellung. Das seit 2001 verheiratete Paar zieht 2005 in die Schweiz. Lino pendelt zwischen Bern, wo die beiden wohnen, und Mailand sowie der restlichen Welt, hin- und her.


Nebst ihrer Lehrtätigkeit, welche nach Lino und den Schuhen ihre dritte Liebe wird, arbeitet Christiane in ihrem Atelier in der Berner Altstadt, wo sie Schuhe nach ihren Vorstellungen designt, produziert und vor Ort sehr erfolgreich verkauft. Ihr Markenzeichen sind die Rohstoffe. Diese sind regional. Genau. Das Leder von der Kuh „gleich-hinter-dem-Berg" und das Holz von den Bäumen des Juras. Holz? Holz. Für die Zoccoli. Darauf hat sie sich spezialisiert. Die Herzblutschuhmacherin kündigt 2009 ihren Job als Dozentin und widmet sich ganz ihrer Passion - dem „Schuhmachen".


2014 stellt ihr ihre Jungendfreundin Gabi die entscheidende Frage, weshalb sie das nicht vom Toggenburg aus mache. Klar, die Laufkundschaft wäre dort bestimmt weniger, doch ihr Produkt liesse sich bestimmt auf dem Onlinemarkt gut verkaufen. Kühe und Holz gäbe es dort auch und schließlich hat ja Lino seine Kontakte in die ganze Welt hinaus. Durchaus.
Seit 2015 sieht man im oberen Toggenburg die Lampen in der Schuhwerkstatt -heute Schuhmanufaktur- wieder brennen, oft bis spät in die Nacht. Nur wirkt heute nicht Karl mit Leder und Nadeln, sondern seine Tochter, die schon vor fünfunddreissig Jahren wusste, dass sie das einmal machen wird. Heile Welt, eben.

 

Text Nadja Meindl

 

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