Christiane Fichtner

Foto Christiane Fichtner 028

Biografie 028

Text: Sarah Oswald
Kostüm: Sandra Li Maennel Saveedra
Maske: Julia Hausmann
Foto: Anna-Katharina Olthoff

 


Biografie 028


Christiane liebt Katzen. Und sie liebte immer schon Männer, die älter waren als sie. Würde sie jemand fragen, ob sie daddy-issues habe, gäbe sie wohl lange keine Antwort, weil sie sich nie dazu Gedanken gemacht hatte. Aber schon mit 8 war sie in Harrison Ford verliebt. Und schon mit 8 gab sie auf die Frage, was sie denn werden wolle, Malerin an. Und dann fragte man: So für Häuser? Und Christiane: Nein, für Bilder.

Christiane wurde am 25.05.1974 in Innsbruck geboren und wuchs zwischen Kühen und Schwammerl in Ellbögen auf. Sie hatte von ihren Eltern keinen Dialekt mitgegeben bekommen. Das verstanden die anderen Kindergartenkinder nicht und machten sich gern lustig über sie. Das hat zwar wehgetan, aber viele Inhalte konnte sie ohnehin nicht mit ihren Mit-Kindergartenkindern teilen. Vielleicht die Zeichen-Ecke, den Fisch mit der Glitzerschuppe und das Buch übers Träumen.

Und heute träumt sie von Oberflächen und wie sich diese unter ihren Fingern anfühlen. Sie übersetzt Gefühle, Zahlen und Wörter in Farben. Vor ein paar Jahren hat man ihr gesagt, dass sich dieses Phänomen Synästhesie nennt. Und von da an fielen ihr immer neue „Wunderlichkeiten“ an ihrer Wahrnehmung auf: Bei einem Orgasmus sieht sie Häuserfronten hinter ihren geschlossenen Augen, manche Männer riechen für sie grün, andere blau oder rot und „Yesterday“ von den Beatles ist seit jeher braun.

Diese Wunderlichkeiten haben offensichtlich großen Einfluss auf Christianes künstlerisches Tun: Sie arbeitet mit ihrem Körper, denn von ihm aus versucht sie, in sich selbst vorzudringen und sich selbst zu verstehen. Es sind Performances, mit Video aufgezeichnet, einmal gedreht, weil das Gefühl des Das-erste-Mal-Tuns nur einmal da ist. Sie zertritt also Trauben und fühlt, wie sich dieses Zerplatzen so grandios unter ihren Füßen anfühlt. So legt sie sich in die Gassen Venedigs, um mit der Stadt, in der sie für ein halbes Jahr lebte, in Kontakt zu treten, sie zu verstehen, mit Augen, Ohren, Nase, Haut und Haaren. Sie schmiert sich dicke Farben ins Gesicht, die Farben für 1, 2 und 4, weil sie nicht weiß, wie sie anders noch mehr mit dieser Schönheit und Konsistenz verschmelzen kann. Und wenn sie sich ihre Performance mit der Luftpolsterfolie ansieht, beginnt sie, mit den Zähnen zu knirschen, weil ihr das Platz-Geräusch solch ein Vergnügen bereitet.

Aber Stichwort „Vergnügen“: Die ersten 25 Jahre ihres Lebens war Christiane recht prüde. Das Wort „Vagina“ konnte sie ganz und gar nicht in den Mund nehmen. Das war doch eine recht große Einschränkung. Also beschloss sie, das Thema Sexualität ganz offensiv anzugehen. Sie baute es in ihre Kunst ein und sah in jedem länglichen Gegenstand einen Phallus. Ihr Konzept: die ersten 25 Jahre prüde, die nächsten 25 offensiv und ab 50 dann gemäßigt (was natürlich nicht bedeutet, dass sie das im Bett genauso handhaben würde – dafür ist sie zu leidenschaftlich). Aber zurück: Gerade befindet sie sich in der Offensiv-und-ständig-über-Sex-sprech-Phase. Und das bedeutet, dass sie in ihrer Kunst neben ihren Versuchen, ihre Wahrnehmung zu verstehen, auch ihren Körper, ihre Sexualität und Tabus im Allgemeinen zum Thema macht. Und da provoziert sie auch gerne und zeichnet mit einem weißen Stift Penisse auf weißes Papier, sodass die Betrachtenden mit der Nase ganz nahe an das Blatt herangehen müssen. Oder sie sammelt schon seit Jahren Werbesprüche von erotic pop-ups – so: Heisse Omis warten auf deinen Schanz [sic!]. Und weil die Sprache des Sex Männersprache ist, versucht Christiane, Wörter zu finden, die Intimität aus der Sicht der Frau schildern. Und so ist ein schlaffer Penis „schl'l'l'“ und eine Vagina eine „Mau“. Denn Worte wie „Scheide“ und „eindringen“ drücken Gewalt und Unterwürfigkeit aus. Und unterwerfen lässt sie sich schon gleich dreimal nicht.

Sie ist da irgendwie wie die Katzen. Denn, Christiane liebt Katzen, ältere Männer und Kunst.

 

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