Christiane Fichtner

Foto Christiane Fichtner 027

Biografie 027

Text: Laura Freudenthaler
Kostüm: Nora Fankhauser
Foto: Philippe Gerlach

 


Biografie 027


In der ersten Nacht überwog das Erstaunen. Es hatte immer wieder Zeiten gegeben, während derer sie lange brauchte, um einzuschlafen, deshalb wurde sie nicht schnell ungeduldig. Nachdem sie sich zum fünften Mal herumgedreht und festgestellt hatte, dass ihre Gedanken unverändert wach waren, nahm sie das Mobiltelefon vom Nachttisch und schaltete es ein, um nachzusehen, wie spät es war. Es geschah mehr aus Interesse, weil sie jegliches Gefühl für die Zeit verloren hatte. Drei Uhr. Sie konnte nicht glauben, dass sie drei Stunden lang hier wach gelegen hatte. Sie musste zwischendurch einmal eingedöst sein, ohne es zu bemerken. Sie schaltete das Telefon wieder aus und legte sich auf den Rücken, entschlossen, jetzt aber wirklich einzuschlafen, so wie sie sich zur Ordnung rief, wenn sie zu viel Zeit mit unsinnigen Tätigkeiten vertan hatte, Zeitschriftenlesen oder aus dem Fenster Schauen. Sie lenkte ihre Aufmerksamkeit auf ihren Atem, wie sie es einmal bei einem Seminar für Entspannungsübungen gelernt hatte. Das Seminar war ihr zu heilsbringerisch gewesen, und sie war an den letzten beiden Tagen nicht mehr hingegangen, aber an das mit dem Atem hatte sie sich später einmal erinnert und gefunden, dass es sinnvoll war, um die Gedanken zu beruhigen, wenn sie eigenständig in alle Richtungen liefen. Als sie das Telefon das nächste Mal einschaltete, war es vier Uhr achtunddreißig. Es war kurios. Sie konnte nicht glauben, dass sie einfach nicht einschlief. Sie dachte über die Förderungseinreichung nach, die sie nächste Woche abschicken musste. Zuerst vereinzelt und mit langen Pausen, dann kräftiger und vielstimmiger begannen Vögel zu singen. Sie öffnete die Augen, es fühlte sich an wie eine Kapitulation. Durch die dünnen Leinenvorhänge drang kein Licht. Es war nicht einmal eine graue Dämmerung auszumachen. Irgendwo hatte sie einmal gelesen, dass Vögel in großen Städten ihre Aktivität in immer frühere Morgenstunden verlagern mussten, um dem Stadtlärm auszuweichen, in dem sie einander nicht mehr hören konnten. Um dieses Phänomen musste es sich handeln. Oder begannen Vögel immer und überall noch in der Dunkelheit zu singen? Sie versuchte, sich an ihre Kindheit auf dem Land zu erinnern oder vielmehr an ihre Jugend, in der sie auch Nächte ohne Schlaf verbracht hatte, allerdings nicht so wie jetzt. Es hatte diese Momente gegeben, wenn sie von einem der Feste, die auf dem Land veranstaltet wurden, im Morgengrauen nach Hause gegangen war. Diese Momente, der Heimweg allein durch die Landschaft, während es hell und wärmer wurde, waren noch das Beste an diesen Nächten gewesen. Obwohl es so lange her war, zwanzig Jahre, mehr, trotzdem schämte sie sich, heimlich und nur vor sich selbst, dass sie mitgemacht hatte bei diesen Festen, dass sie getrunken hatte wie die anderen und wahrscheinlich mit ihnen gelacht über die primitiven Scherze. Natürlich, sie war jung gewesen, ein Teenager, aber zugleich ein Mädchen, das viel las, eine Zeit lang hatte sie prinzipiell nur Bücher von Frauen gelesen. Sie hatte die Philosophielehrerin am Gymnasium in der Stadt bewundert. Bei den Mitschülern stieß sie auf Befremden. Das Bedürfnis nach Zugehörigkeit war wohl doch so stark gewesen, dass sie auf dem Land, dort, wo sie herkam, danach suchte. Es war auch lächerlich, sich als erwachsene Frau zu schämen, weil man als Jugendliche bei ländlichen Festen zu viel getrunken hatte. Sie hatte sich damit abgefunden, dass diese Nacht schlaflos vorübergehen würde, und war glücklich, als sie bei hellem Sonnenschein erwachte, nachdem sie unerwarteterweise doch noch für zwei Stunden eingeschlafen war. Im Moment des Aufwachens war sie erquickt, sie dachte dieses altmodische Wort, doch schon, als sie sich im Badezimmer über das Waschbecken beugte, spürte sie die Müdigkeit, besonders im unteren Rücken. Sie verschob die Arbeit an dem Einreichungstext auf den nächsten Tag, erledigte praktische Dinge, schrieb E-Mails, die sie schon seit Langem hätte schreiben sollen, und freute sich dabei auf den Abend, wenn sie endlich zu Bett gehen und sich von der letzten Nacht erholen würde. Den Abend verbrachte sie zu Hause, räumte ein wenig auf, ordnete Stapel von Papieren, Katalogen und Zeitschriften und ging relativ früh zu Bett. Auf ihrem Mobiltelefon stellte sie den Wecker für frühmorgens, um am nächsten Tag nachzuholen, was sie an diesem versäumt hatte. Sie las in einem Buch, bis sie die Augen nur noch mühsam offenhalten konnte, löschte das Licht, legte sich auf den Rücken und konzentrierte sich auf ihre Atemzüge. Nachdem sie offenbar kurz weggedämmert war, wachte sie wieder auf. Ihr Kopf war leer. Kein Gedanke. Der Körper schwer, der Atem ruhig. So bleiben. So bleiben und wieder einschlafen. Das war der erste Gedanke. Der zweite, dass sie heute Nacht wirklich schlafen musste. Der dritte die Befürchtung, dass sie nicht schlafen würde. Sie drehte sich auf die Seite und versuchte, wieder in diesen Zustand zurückzufinden. Kein Gedanke. Sie hatte nur noch eine Woche, um diesen Einreichungstext zu schreiben, und den gestrigen Tag hatte sie verloren. In dieser zweiten Nacht war sie wehrlos. Sie hatte sich noch nicht an die Erschöpfung gewöhnt. Sie glaubte, bereits jetzt, es nicht mehr aushalten zu können. Sie glaubte auch, verzweifelt zu sein, aber sie würde noch andere Verzweiflungen kennenlernen. Als sie das Telefon einschaltete, war es drei Uhr vierzehn. Und wieder begriff sie nicht, wie sie mehr als drei Stunden hatte hier liegen können, ohne zu schlafen. Sie spürte ihren Körper und den Atem, die Verspannungen im Nacken und den alten Schmerz in der Schulter, der seit der Operation immer auftauchte, wenn sie müde war. Ihre Gedanken gingen ihr auf die Nerven, wie jemand, bei dem man das Gefühl hat, ihn in- und auswendig zu kennen, alles, was und wie er es sagt, schon einmal gehört zu haben, und man würde einfach gern einmal eine Zeit lang nicht mit diesem Menschen zusammen sein. Sie schaltete das Telefon ein, vier Uhr fünf, und den Wecker aus, den sie vor dem Schlafengehen auf sieben Uhr gestellt hatte. Drei Stunden Schlaf würden zu wenig sein. Nach drei Stunden Schlaf konnte sie morgen wieder nicht an ihrem Einreichungstext arbeiten. In dieser zweiten Nacht begann das Rechnen. Das Zählen geschlafener und nicht geschlafener Stunden, das Abwiegen der Stunden gegeneinander, der Versuch, den genauen Zeitpunkt des Einschlafens herauszufinden, um exakt berechnen zu können, ob der Schlaf eineinhalb oder zwei Stunden gedauert hatte, als ob das an dem Zustand am nächsten Tag etwas änderte. Ab dem vierten Tag würde sie sogar beginnen abzuschätzen, wie viel Zeit vergangen war, bis sie nach dem Aufwachen auf die Uhr geschaut hatte. Wieder hörte sie die Vögel, während es noch dunkel war. Sie lag auf dem Rücken und lernte das trügerische Gefühl kennen, dass sie, wenn sie sich jetzt auf die Seite drehte und die Beine anzog, einen Arm schützend vor dem Gesicht, einschlafen würde. Sie sah einen Weg vor sich, aus den glänzenden Rücken großer Steine gefügt. Es war eine ländliche Szene mit hohen, dunklen Bäumen und rosarot blühenden Sträuchern rund um eine ockerfarbene Kirche. Die Kirche stand auf einem der Hügel rund um Siena. Sie war immer allein dort gewesen, und nie war ihr jemand begegnet, ehe sie abends den Mann traf, in den sie in Siena ein Jahr lang verliebt gewesen war. Ein norwegischer Mann. Sie hatte immer zu seinem Geschlecht sprechen müssen, es begrüßen, ermuntern und bewundern, anders hatte er keine Erektion bekommen. Sie lächelte, als ihr das einfiel. Sie hatte es in ihrer Unerfahrenheit hingenommen wie eine Regel in einem fremden Spiel, und gerade das fand sie im Nachhinein schön. Es wurde hell, bevor sie einschlief, deshalb konnte sie sich, als sie um kurz vor acht Uhr aufwachte, ausrechnen, dass sie höchstens zwei Stunden geschlafen hatte. Auch nach der zweiten Nacht ging sie noch von einer zufälligen, kurzfristigen Störung aus, rechnete damit, dass sich in der kommenden Nacht die Normalität wieder einstellen würde, und wich deshalb in keinem Punkt von der Normalität ab. Morgens setzte sie sich an den Schreibtisch, um an ihrem Einreichungstext zu arbeiten, und skizzierte Sätze über die Fragwürdigkeit des Biografiebegriffs. Sie skizzierte die Sätze, denn es gelang ihr nicht, auch nur einen Satz vollständig auszuführen, nicht einmal auf dem Papier. Die Hand auf dem Papier schmerzte, die Seite des Handballens, die beim Schreiben auflag und sich über das Blatt bewegte, ein feines Schleifen auf der Haut. Alles ein feines Schleifen. Wenn sie den Arm hob, um den Kopf darauf zu stützen, war das Schleifen im Schultergelenk, feines Schmirgelpapier. Im Nacken war eine Verspannung, die es ihr unmöglich machte, den Kopf mehr als ein paar Zentimeter nach rechts zu drehen. Am frühen Nachmittag saß sie noch immer an ihrem Schreibtisch. Sie hatte aufgeschrieben, dass die Unterscheidung zwischen fiktiven und sogenannten realen Figuren fragwürdig sei, denn abgesehen von der physischen Existenz erfolge die Konstruktion, die Imagination, auf dieselbe Art und Weise. Man machte sich eine Vorstellung von einer Person aufgrund der Informationen, die man über sie besaß, ob diese nun frei erfunden waren oder nicht. Sie hatte Teile von Sätzen miteinander verbunden, dazwischen war oft eine Stunde vergangen. Nur die Gewohnheit ermöglichte ihr diese Formulierungen, die ihr im Moment wie Formeln vorkamen. Seit einiger Zeit schaute sie aus dem Fenster, die Hand mit dem Stift lag müde auf dem Papier. Vielleicht könnten wenigstens einzelne Teile ihres Körpers zwischendurch schlafen, dachte sie. Im Haus gegenüber goss eine Frau im Morgenmantel die Orchideen auf dem Fensterbrett. Wenn sie sich jetzt hinlegte, würde sie einschlafen, bestimmt. Nach einer halben Stunde stand sie wieder auf. Sie hatte nicht einmal gedöst. Es war, als schalte ihr Gehirn die Möglichkeit zu schlafen, in dem Moment ab, da sie sich hinlegte. Sie beschloss, an diesem Abend eine andere Strategie anzuwenden. Sie würde die Verabredung, die sie bereits vor einer Woche getroffen hatte, einhalten. Sie würde ausgehen und ein paar Gläser Wein trinken, das würde entspannend und einschläfernd wirken, und wenn sie alles so machte, wie es normalerweise war, dann würde sie hoffentlich auch einschlafen, wie sie es normalerweise tat. Es war ein warmer Abend, sie saß mit ihrer Bekannten auf der Terrasse eines Cafés. Sie hatte zwei Gläser Wein getrunken, sie spürte ihre Muskulatur sich entspannen, ein Nachlassen im ganzen Körper. Zwischendurch vergaß sie, worum es in ihrem Gespräch ging, aber sie fand den geruhsamen Redefluss ihrer Bekannten herrlich wie die milde Nacht. Sie ruhte in sich und in der Welt und würde deshalb heute in einen tiefen Schlaf sinken, und wenn nicht, dachte sie, wäre es auch in Ordnung. Alles war in Ordnung, so, wie es war. In den nächsten Tagen würde sie begreifen, dass auch dieser vermeintliche Stoizismus eine Strategie ihrer Psyche war, so wie Kinder vortäuschen, das Interesse an etwas, das sie unbedingt wollen, verloren zu haben, um es eben dadurch zu bekommen. Auch an diesem Abend döste sie, nachdem sie sich hingelegt hatte, kurz ein und tauchte dann langsam wieder hoch, musste zusehen, wie sich zuerst nur einzelne Gedanken einstellten, wie das Denken schneller wurde, bis ihr Bewusstsein schließlich wieder ganz da war mit all den Gedankensprüngen und parallelen Strömen, denen sie folgen musste, weil sie ihr Bewusstsein nicht von ihrem Bewusstsein absentieren konnte. Sie wünschte sich, ihre Gehirntätigkeit einfach sich selbst überlassen und sich selbst währenddessen zurückziehen zu können. Sich selbst. Die Nächte begannen, gewissen Mustern zu folgen. Beim Zubettgehen täuschte sie weiterhin Normalität vor, obwohl ihr die jeden Tag mehr abhanden kam, stellte auf ihrem Telefon den Wecker ein, las noch in einem Buch, löschte dann das Licht. Wenn sie Glück hatte, fiel sie in einen leichten Schlaf, der wohl nicht länger als zwanzig Minuten währte und ihr Unglück eigentlich nur vergrößerte, hatte sie doch von dem Zustand der Bewusstlosigkeit gekostet. Sie hätte weinen mögen, weil ihr nicht mehr davon vergönnt war. In jeder Nacht gab es einen Moment, da sie hätte weinen mögen, und sie wollte der Versuchung sogar nachgeben, weil sie dachte, das Weinen würde eine Spannung abbauen, sie könnte sich vielleicht in den Schlaf weinen, so sagte man doch, als Redewendung. Ihr Körper war jedoch zu erschöpft, um diese Anstrengung auf sich zu nehmen. Sie blieb tränenlos und wach und sagte sich vor, dass sie es mit Gleichmut ertragen müsse und nicht verzweifeln dürfe. Oft dachte sie in diesen Nächten an eine Frau, mit der sie vor langer Zeit zusammengearbeitet und die tatsächlich unter unheilbarer Schlaflosigkeit gelitten hatte. Die Frau war sehr dünn und sehr blass gewesen, und sie hatte die Frau manchmal heimlich bei der Arbeit beobachtet, weil ihr unbegreiflich war, dass jemand ein normales Leben führen konnte, ohne zu schlafen. Ungefähr um drei Uhr resignierte sie. Sie schaltete das Telefon ein und stellte den Wecker ab, und ab dem fünften Tag stellte sie gar keinen Wecker mehr. Sie wusste jetzt, dass sich ab halb fünf mit vereinzelten Autos der Morgen ankündigte und dass zur selben Zeit die Vögel zu singen begannen, anfangs auch vereinzelt, dass sich ihr Gesang dann mit der Dämmerung intensivierte, bis um halb sechs der Morgenverkehr mit voller Wucht einsetzte. Irgendwann in der Stunde zwischen halb sechs und halb sieben schlief sie meistens ein, um zwischen sieben und acht Uhr wieder aufzuwachen. Am vierten oder fünften Tag beschloss sie, dass sie wohl einfach damit leben musste, nicht mehr zu schlafen. Sie fand sich damit ab. Das tat sie in den darauffolgenden Tagen und Nächten wiederholt, nur um sich eine Stunde später in tiefer Verzweiflung wiederzufinden. In jeder Nacht gab es einen Moment, da ihr plötzlich siedend heiß wurde, das Herz klopfte schnell, galoppierend, innerhalb kurzer Zeit war ihr Körper von Schweiß bedeckt, nass von oben bis unten. Sie schob die Decke zur Seite, wartete darauf, dass die Hitze verging, wartete so lange, bis ihr Körper auskühlte, so lange, bis sie fröstelte, und erst dann zog sie die Decke wieder über sich, und das war ein so wohliges Gefühl, dass sie immer einige Momente lang glaubte, jetzt würde sie einschlafen. Ihr fiel ein, wie sie als Mädchen, sie musste dreizehn oder vierzehn Jahre alt gewesen sein, eine Phase gehabt hatte, in der sie sich beinahe jede Nacht eingebildet hatte, hohes Fieber zu haben. Sie erinnerte sich, dass es zu Hause kein Fieberthermometer gegeben hatte und dass sie deshalb in das Zimmer ihrer Mutter gegangen war. Sie hatte sich auf den Bettrand gesetzt, bis die Mutter mit schläfriger Stimme gefragt hatte, was es denn gebe, und dann hatte die Mutter eine Hand auf ihre Stirn gelegt und in einer leichten Berührung über die Schläfe hinunter an den Hals gleiten lassen, den Hals unter dem Ohr befühlt und gesagt, sie habe bestimmt kein Fieber. Danach war sie zurück in ihr eigenes Zimmer gegangen und hatte wohl beruhigt einschlafen können. Sie konnte sich nicht daran erinnern, deshalb musste sie einfach eingeschlafen sein, unbemerkt von sich selbst. Heute wusste sie, dass es beim Einschlafen darum ging, um das Nichtbemerken, im entscheidenden Moment. Der Schlaflose aber lauert darauf einzuschlafen und bringt sich damit um diesen entscheidenden Moment. Vielleicht waren die Gründe für ihre Schlaflosigkeit rein physiologischer Natur, hormonell bedingt, aber wahrscheinlicher war doch eine psychische Ursache. In dieser Nacht begann sie, darüber nachzudenken, was nicht in Ordnung war. Sie versuchte herauszufinden, ob ihr die finanzielle Unsicherheit mehr zusetzte, als ihr bewusst gewesen war. Das war eine schlüssige Erklärung, eine Belastung, die lange Zeit beständig im Hintergrund existierte, mit der man gut zurechtkam, in Wahrheit aber eine existenzielle Bedrohung, die einen irgendwann, als Langzeitfolge, nicht mehr schlafen ließ, weil man nicht loslassen konnte, wegen der fehlenden Sicherheit. Das klang schlüssig, aber sie glaubte es eigentlich nicht. Schließlich lebte sie seit zehn Jahren so. Und wenn es einmal nicht mehr gehen sollte, sagte sie sich, könnte sie immer noch Spanisch unterrichten. Es gab immer genügend Leute, die Spanisch lernen wollten und sie ernähren würden. Damit beruhigte sie sich, wenn sie zweifelte, wenn es unmöglich schien, Geld für ein Projekt aufzutreiben, wenn sie ein halbes Jahr lang gar nichts verdiente und das Honorar von dem großen Auftrag im letzten Jahr aufgebraucht war. Dann dachte sie an die vielen Menschen, die Spanisch lernen wollten, und an den Vater, der darauf bestanden hatte, dass sie auch ihre Zweitsprache gründlich studierte. Sie hatte aber schon lange nicht mehr an die Menschen gedacht, die Spanisch lernen wollten. Sie hatte eigentlich geglaubt, es liefe momentan alles gut, in relativ geordneten Bahnen. Aber nun konnte sie nicht schlafen, und dafür musste es schließlich einen Grund geben, ein Übel, das man finden und ausmerzen konnte. Ab dem fünften Tag verzichtete sie darauf, mit dem Auto zu fahren, weil sie einen Zebrastreifen übersehen hatte. Das Schlimme war, dass sie ihn tatsächlich nicht gesehen hatte, obwohl sie aufmerksam und konzentriert gewesen war. Sie traute sich selbst nicht mehr. Sogar als Fußgängerin wurde sie mindestens einmal täglich angehupt. Vielleicht hupten Autofahrer aber auch ständig, und sie hatte es bislang bloß nicht auf sich bezogen. An einem frühlingshaften, beinahe schon sommerlichen Tag ging sie in den Park. Sie hatte Milch und Brot kaufen wollen und erst auf der Straße die Wärme der Luft bemerkt. Erstauntes Aufatmen mit den ersten Schritten. Sie war nicht abgebogen, sondern geradeaus weitergegangen, bis zu dem Park. Rund um eine Sandkiste standen Mütter und sahen ihren Kindern beim Spielen zu. Einige Kinder kämpften miteinander. Sie fragte sich, ob die Mütter das nicht bemerkten. Männer in Anzügen und Frauen in ähnlichen Anzügen saßen auf Bänken und hatten kleine Behältnisse mit Mittagessen dabei. Sie selbst war ein Unwesen, von irgendwoher in die normale menschliche Welt gekommen. Sie war die Einzige hier ohne Selbstverständlichkeit. Sie, die sich mit der Brüchigkeit von Identität beschäftigte, war überzeugt davon, dass jeder in diesem Park, außer ihr, eine genaue Vorstellung von sich selbst und seinem Leben hatte. Nein, schlimmer, sie war überzeugt davon, dass jeder tatsächlich ein eindeutiges Wesen, klare Aufgaben, Eigenschaften und Beziehungen hatte, wie in einem der oberflächlichen amerikanischen Filme, die eine solche Geordnetheit vorgaukeln. Sie selbst war durchlässig. Sie ging durch den blühenden Park und freute sich an dem Leben und den Kindern wie eine alte Frau, bewegte sich auch vorsichtig wie eine alte Frau mit brüchigen Knochen und erschöpftem Herzen. Noch nie hatte sie die Farben und Gerüche, die Knospen und Blätter und Blüten, das ganze Grün, so tief wahrgenommen. An den Vormittagen saß sie am Schreibtisch und machte sich Notizen über das Konzept von Biografie, die ihr mit jedem Tag trockener wurden, bis sie jegliche Bedeutung verloren hatten. Sie wusste jetzt, dass es Kokettieren bedeutete, über die Konstruiertheit von Identität nachzudenken, solange man dabei jede Nacht schlief, ohne sich dessen bewusst zu sein. Sie wusste jetzt, dass die körperliche Erschöpfung in den ersten paar Tagen am schlimmsten war, dass man sich dann daran gewöhnt hatte, während die psychische Zerrüttung erst begonnen hatte. Die Tage waren ihr mittlerweile so unwirklich, dass sie die Nächte beinahe vorzog. Solange sie es vermeiden konnte, dass ihre Gedanken sich damit beschäftigten, was sie momentan alles nicht schaffte, wegen der Müdigkeit. Bis auf die Momente der Hitze und des Herzrasens. Außer den Augenblicken der Verzweiflung, in denen sie nachvollziehen konnte, dass ein Mensch, der schlaflos ist, wahnsinnig wird, und auch, dass dieser Mensch sich umbringt. Abgesehen von all diesen Momenten fand sie mittlerweile die Nächte einfacher zu ertragen als die Tage. In den Nächten tauchten Bilder auf, meistens Orte. Ein Durchgang aus Stein, weichem, hellem Stein. Erst nachdem sie das Bild eine Zeit lang betrachtet hatte, schließlich auf die andere Seite des Durchgangs gegangen war und die Straße dahinter gesehen hatte, den Migros-Supermarkt, begriff sie, dass sie in der Schweiz jeden Tag, wenn sie zur Arbeit gefahren war, mit dem Fahrrad durch diesen Durchgang gefahren war. Sie war lange genug dort gewesen, um Routinen auszubilden, aber nicht lange genug, um ihrer überdrüssig zu werden. Weil sie das einsame Arbeiten gewohnt war, hatte sie diesen Alltag als köstlich erlebt. Das frühe Aufstehen, jeden Tag zur selben Zeit, der Weg in die Arbeit durch die Stadt, unter all den anderen, die auf dem Weg in die Arbeit waren. Sie erinnerte sich, dass sie meistens müde gewesen war beim Aufstehen, aber was war das für eine herrliche Müdigkeit gewesen, weiterschlafen zu wollen, sich aus einem tiefen Schlaf herauszukämpfen. Vielleicht, dachte sie, sollte sie doch noch ihr Leben ändern, einen normalen Job machen, eine Arbeit für jemanden verrichten, der sie dafür bezahlte, Kollegen haben, die man jeden Tag sah. Sie stellte sich vor, einen Tagesrhythmus zu haben, der über viele Jahre hinweg gleich blieb, unterbrochen nur von zwei Wochen Urlaub im Jahr. Dachte dann, dass ihr Tagesrhythmus auch so seit Jahren derselbe war, nur nicht von außen vorgegeben wurde. Sie schlief ein, als die Sonne bereits ins Zimmer schien. Mittlerweile wusste sie genau, bei welchem Licht und welchen Geräuschen es wie viel Uhr war und dass sie also keine eineinhalb Stunden geschlafen hatte, als sie um viertel vor acht aufwachte. Obwohl die Nächte bestimmten Mustern folgten, gab es keine zuverlässige Regel, wann sie für die ein oder zwei Stunden pro Nacht einschlief. Nie vor fünf Uhr. Einmal inmitten aufgewühlter Hoffnungslosigkeit, einmal während des Nachdenkens über etwas anderes als den Schlaf. Obwohl sie das Gefühl hatte, inzwischen bei allem, worüber sie nachdachte, zumindest indirekt über den Schlaf nachzudenken. Sie versuchte, Bücher zu finden, die ihr helfen würden, und hasste Proust, den sie bisher geliebt hatte, weil er auf der ersten Seite beschrieb, wie er eingeschlafen war, ohne Zeit für den Gedanken zu haben, dass er nun einschlief. Einmal beschloss sie um fünf Uhr, beruhigende Musik aufzulegen, weil sie Hysterie in sich aufsteigen spürte bei dem Gedanken an ein wichtiges Gespräch, das sie am nächsten Tag zu führen hatte, und schlief dann tatsächlich für zwei Stunden ein. Sie dachte, endlich ein Mittel gefunden zu haben, hörte die CD in der darauffolgenden Nacht bis zum Ende und verzichtete auf einen weiteren Versuch. Das Gespräch hatte sie erfolgreich hinter sich gebracht. Es war erstaunlich, was sie alles schaffte. Vieles vergaß sie einfach. Einmal bekam sie einen erbosten Anruf, weil sie ein Dokument hätte abliefern sollen. Sie schickte das Dokument und stellte fest, dass man sogar Dinge vergessen konnte, ohne dass es schlimme Folgen hatte. Sie hatte gebeten, die Einreichung für ihr Projekt aufschieben zu können, und der Aufschub war gewährt worden. Sie hatte gesagt, sie sei krank. Krank hätte sie den Einreichungstext besser schreiben können. Sie war die reine Wahrnehmung, und die Wahrnehmung war zusammengeschrumpft auf immer genau einen Punkt. Alle Reflexionsfähigkeit war ihr abhanden gekommen. Sie reflektierte nicht, alles ging durch sie hindurch. Sie war durchlässig. Sie hatte Lust, die Dinge so dahinlaufen zu lassen, zu sehen, welche Entwicklung alles nehmen würde, nur durch ihre Schlaflosigkeit. Sie würde die Einreichung nicht fertig machen, würde mit dem, was sie bislang getan hatte, aufhören, weil sie ja nicht mehr reflektierte und alles auf dem Reflektieren beruht hatte. Vielleicht würde sie auf der Straße landen, denn wegen ihrer Erschöpfung könnte sie auch keine körperliche Arbeit verrichten. Sie betrachtete bei ihren Gängen nach draußen die Obdachlosen und fragte sich, ob welche von ihnen es durch Schlaflosigkeit geworden waren. Eines Nachts stand ihr ein Bild vor Augen, eine weite grüne Wiese, darin ein einfaches Holzgeländer wie zum Anbinden von Tieren. Auf dem Geländer hockten Volksschulkinder und warteten. Sie waren auf Landschulwoche gewesen. Sie hatten gewartet, weil einer von ihnen verschwunden war, Richard, wenn sie sich richtig erinnerte. Er war einfach verschwunden, und die Kinder hatten an dem Holzgeländer gewartet, still und aufmerksam, weil sie die Aufregung der Lehrerin spürten. Die Lehrerin war hierhin und dorthin gelaufen, um Richard zu suchen, keines der anderen Kinder hatte sich gerührt, und irgendwann war Richard über die Wiese auf sie zugekommen. Er konnte nicht einmal sagen, wo er gewesen war. Die Lehrerin schrie. Auf dem Holzgeländer die schweigenden Kinder. Was für eine Welt, dachte sie. Was für eine andere Welt. Sie hatte noch zwei Tage, um die Einreichung abzugeben. Sie ging zu ihrer Ärztin und ließ sich Tabletten verschreiben, mit denen sie, versicherte die Ärztin, bestimmt schlafen würde. Und dann, sagte die Ärztin, würde sich der Rhythmus auch wieder normalisieren.

 

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